Katastrophale Lage in Haiti spitzt sich weiter zu / „Jedes Mal, wenn wir aus dem Haus gehen, beten wir, dass wir nicht entführt werden!“

Port-au-Prince (ots) –

Brutale Bandengewalt, fehlender Treibstoff, horrende Lebensmittelpreise und ein erneuter Cholera-Ausbruch: Eine ganze Reihe von Krisen erschüttert Haiti, die Lage im Karibikstaat ist katastrophal. Vergewaltigungen und Morde gehören zum Alltag, Schulen sind bis auf Weiteres geschlossen, Krankenhäuser und Banken haben nur noch an wenigen Tagen pro Woche geöffnet.

„Wir kennen Armut, wir kennen Probleme, aber was hier gerade passiert, hat eine ganz andere Dimension“, sagt Faimy Loiseau, Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Haiti.

Seit der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse im Juli 2021 befindet sich Haiti in einer akuten politischen Krise, ein schweres Erdbeben einen Monat später verschlechterte die Situation weiter, die Lage wurde zunehmend instabiler und lebensbedrohlicher.

Banden gehen mit großer Brutalität gegen Menschen vor

„Banden haben faktisch die Macht in Haiti übernommen. Jedes Mal, wenn wir aus dem Haus gehen, beten wir, dass wir nicht entführt werden“, sagt Loiseau. Denn die Banden gehen äußerst brutal gegen die Bevölkerung vor. Sie vergewaltigen und sie töten. Sie erpressen Geld, verbreiten Angst und Leid und stürzen Haiti ins Chaos.

Fehlender Treibstoff bringt das wirtschaftliche Leben beinahe komplett zum Erliegen: Die Menschen können nicht mehr zur Arbeit fahren, Krankenhäuser und Banken haben nur noch an drei Tagen in der Woche geöffnet.

Rettungswagen und Lieferwagen fehlt Treibstoff

Rettungswagen sind nicht mehr im Einsatz, Lieferwagen transportieren keine Nahrungsmittel mehr – was zu einer weiteren Krise führt: Weil Haiti im Land selbst wenig produziert, sind die Menschen umso mehr auf Importe angewiesen. Das spärliche Angebot hat die Preise für Lebensmittel um ein Vielfaches steigen lassen und damit die Hungersnot noch vergrößert.

Als wäre die Situation nicht schon dramatisch genug, sehen sich die Menschen auch noch mit einem Cholera-Ausbruch konfrontiert. Bisher hat die Magen-Darm-Infektion bei 33 Personen zum Tod geführt. Die Menschen müssten teilweise unter sehr schmutzigen Verhältnissen leben, auch die Straßen seien extrem verschmutzt, sagt Loiseau. Die Wahrscheinlichkeit ist daher groß, dass die Zahl weiter steigt.

Schulen bis auf Weiteres geschlossen

Die Kinder und Familien in den SOS-Kinderdörfern sind in Sicherheit. Für Familien, die im Rahmen der Familienstärkung in den Gemeinden unterstützt werden, kann dies nicht gewährleistet werden. Die Mitarbeiter der SOS-Kinderdörfer haben nur sporadisch Kontakt zu ihnen. Generell sei der Ausdruck „in Sicherheit“ aktuell mit Vorsicht zu genießen, da die Banden überall seien, sagt die Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Haiti.

Der Schulstart wurde aufgrund der Gesamtlage zunächst vom 3. September auf den 3. Oktober und anschließend bis auf Weiteres verschoben. „Teilweise gibt es Online-Unterricht, aber der muss im Verborgenen stattfinden. Die Banden erwarten von der Bevölkerung einen nationalen Widerstand. Online-Unterricht widerspricht dem und könnte negative Folgen haben“, sagt Loiseau.

SOS-Kinderdörfer unterstützen vor Ort

Die SOS-Kinderdörfer sind seit Jahrzehnten in Haiti aktiv und bereiten weitere Hilfsmaßnahmen vor. „Mittel- und langfristig wird auch das Thema der mentalen Gesundheit eine große Rolle spielen. Wenn Kinder sehen, dass Familienangehörige vor ihren Augen sterben oder ihnen keiner sagen kann, warum sie nicht mehr zur Schule gehen dürfen, dann hat das psychische Folgen“, sagt Loiseau. Erst einmal hoffe sie aber, dass das Leben zurückkommt. „Denn im Moment leben wir nicht!“

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Quelle: ots