Ingo Schulze ist der neue Metropolenschreiber Ruhr der Brost-Stiftung

Essen (ots) –

Ingo Schulze ist neuer Metropolenschreiber Ruhr

Im Interview erzählt er von seinen ersten Eindrücken der Metropolregion:

„Geschockt vom blauen Himmel an der Ruhr“

Der neue Metropolenschreiber der Brost-Stiftung, Ingo Schulze, bekam die ersten Eindrücke der Region von Mitschülern. Im Interview erzählt er auch, wie sein schwarz-gelbes Fußballherz in den Westen abwanderte.

In der ersten Oktoberwoche las Ingo Schulze (60) noch im Deutschen Historischen Museum aus seinem aktuellen Essayband „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte“, anschließend zog der Träger des Alfred-Döblin-Förderpreises sowie des Ernst-Willner-Preises als neuer Metropolenschreiber Ruhr in Mülheim ein. Bis April wird er im Ruhrgebiet wohnen und an einem literarischen Projekt über die Region arbeiten.

„Erstmal komme ich allein, ich bin der einzige „Freischaffende“ in der Familie, die anderen müssen ja in Berlin arbeiten beziehungsweise an die Uni. Aber es haben sich schon etliche Besucher angesagt“, so Schulze im Interview. „Ich weiß noch nicht, ob ich mich darüber freuen soll. Ehrlich gesagt, habe ich die Hoffnung, selbst etwas in Ruhe arbeiten zu können. Ich kenne in Mülheim und Umgebung deutlich weniger Menschen als in Berlin. Um sich auf eine Stadt und Region einzulassen, ist es gut, wenn man erst mal allein loszieht. Mal sehen, ob und wenn ja wie schnell ich zum Reiseführer werde.“

Haben Ihre Vorgänger als Metropolenschreiber schon erzählt, was Sie erwartet?

Schulze: „Das erste Mal habe ich durch Gila Lustiger davon erfahren. Sie kam mit dem Fahrrad zu einer Lesung von mir nach Düsseldorf. Ich war überrascht, wieso sie mit dem Fahrrad kam. Sie hatte ihr Mülheimer Fahrrad mit in den Zug genommen. Ich fragte sie, was sie denn bewogen habe, für ein Jahr Paris gegen Mülheim zu tauschen? Ich weiß die Antworten jetzt nicht mehr genau, aber für sie war es ein ganz anderes Leben, ganz andere Menschen, ganz andere Zusammenhänge. Natürlich spielte das Stipendium ebenfalls eine Rolle. Auch Wolfram Eilenberger hatte mir mehrfach von Mülheim erzählt.“

Wie möchten Sie sich die Region „erschließen“?

Schulze: „Das weiß ich noch gar nicht. Seit 1995 mein erstes Buch erschienen ist, hatte ich Lesungen im Ruhrgebiet. Und wenn das jetzt nicht anbiedernd klingt, würde ich sagen, ich mag die Mentalität, die Offenheit, die Direktheit, das habe ich über die Jahre hinweg immer wieder erlebt. So wie ein Buch in seinen Leserinnen und Lesern existiert, existiert eine Region in dem, was ihre Bewohner tun und erzählen. Und da werde ich versuchen hinzusehen und hoffentlich erzählt mir auch die eine oder der andere etwas.

Was löst der Begriff Ruhrgebiet bei Ihnen aus?

Schulze: „Das lernten wir ja schon in Dresden in der Schule, das Ruhrgebiet als das industrielle Herz von Deutschland. Es war 1979 oder 1980, da fuhr der Dresdner Kreuzchor zu einer Konzertreise auch ins Ruhrgebiet. In meiner Klasse waren einige Kruzianer, und am meisten geschockt waren sie vom blauen Himmel über dem Ruhrgebiet. Ich konnte das ja nicht überprüfen, aber mir hat sich das, wie Sie sehen, bis heute eingeprägt.“

Sind Sie Fußballfan?

Schulze: „Leider ja. Im Vergleich zu Kollegen, die sich nicht für Fußball interessieren, habe ich einen echten Nachteil, weil die anderen viel mehr Zeit zum Lesen und Schreiben oder wozu auch immer haben. Ich war natürlich Dynamo Dresden-Fan, aber als die Dresdner dann von der ersten Bundesliga in die Regionalliga abstiegen, waren sie damals – das muss so um 1995 gewesen sein – kaum noch im Fernsehen aufzufinden. Und nun muss ich bekennen, wanderte mein Herz mit Matthias Sammer zu den anderen schwarz-gelben, die spielten ja Mitte der Neunziger unter Hitzfeld sehr schön – und hatten auch Erfolg. Ich weiß nicht, wie oft ich mir das Ricken-Tor zum 3:1 gegen Juve angesehen habe. Und natürlich leide ich unentwegt, lächerlich, aber ich kann´s nicht ändern.“

Worauf freuen Sie sich besonders?

Schulze: „Auf diese ungewöhnliche Situation. Ich habe 1993 als Zeitungsredakteur in St. Petersburg gearbeitet, war 1996 als Schriftsteller ein halbes Jahr in New York, auch mal ein Jahr in Rom. Das ist jetzt der vierte längere Aufenthalt. Die Welt sieht ja vom Ruhrgebiet aus ganz anders aus als von Berlin, allein die Nähe zu Holland und Belgien, aber auch innerhalb Deutschlands.“

Haben Sie schon Ideen, wie Sie die Erlebnisse im Ruhrgebiet künstlerisch umsetzen wollen?

Schulze: „Man kann ja leider (oder zum Glück) nicht sagen: Ich will jetzt auf der Stelle eine Idee haben! Und ich glaube, dass ich nach einem halben Jahr zu wenig über diesen Westen weiß, um gleich eine Erzählung zu schreiben. Deshalb will ich es mit einem Journal versuchen, einem Tagebuch, das mich zum genaueren Beobachten zwingt – ein Ostler im Westen. Es muss immer etwas Zeit vergehen, bis die Eindrücke so in einem angekommen sind, dass man daraus etwas machen kann.“

Das Projekt

Um zur literarischen Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet, seinen Menschen und seiner Kultur anzuregen, vergibt die Brost-Stiftung seit 2017 das Amt des/ der „Metropolenschreiber/in Ruhr“ an einen außerhalb des Ruhrgebiets beheimateten Schriftsteller oder Schriftstellerin. Für das Metropolenschreiber/innen-Projekt ist der Blick von außen auf das Ruhrgebiet wichtig, aber auch der gesellschaftspolitische Ansatz. Im jährlichen Wechsel wird das Metropolenschreiber/innen-Amt an eine/n neue/n Metropolenschreiber/in übergeben, der/die eingeladen wird, für ein Jahr im Ruhrgebiet zu leben, um Menschen und Kultur zu erkunden. Ziel des Projektes ist es, dass im Laufe des Jahres eine Publikation mit den Texten des/ der jeweiligen Metropolenschreiber/in entsteht.

Die Brost-Stiftung

Die Brost-Stiftung mit Sitz in Essen wurde 2011 in Erfüllung des testamentarischen Willens von Anneliese Brost gegründet. Die Stifterin startete ihre berufliche Karriere als Sekretärin und wurde an der Seite ihres späteren Ehemannes und WAZ-Mitbegründers Erich Brost zu einer der wichtigsten Frauen der Medienbranche. Nach seinem Tod leitete sie die WAZ-Mediengruppe noch viele Jahre als Verlegerin. Für ihr soziales Engagement wurde sie noch zu Lebzeiten mehrfach ausgezeichnet. Sie setzte sich besonders für junge und alte Menschen sowie für Kunst und Kultur im Ruhrgebiet ein. Im Interview zu ihrem 90. Geburtstag sagte sie auf die Frage, was sie gerne in der Welt verändern würde: „Dass Kinder und Alte mehr Rechte, mehr Anerkennung und auch Möglichkeiten haben.“

Nach ihrem Willen fördert die Brost-Stiftung heute Projekte im Bereich von Kunst und Kultur, Jugend- und Altenhilfe, Volks- und Berufsbildung sowie mildtätige Zwecke. Der Fokus liegt dabei auf dem Ruhrgebiet, der Heimat von Anneliese Brost, dessen Identität gestärkt werden soll.

Ziel der Stiftung ist, durch Kooperation das Miteinander und die anpackende Selbsthilfe im Ruhrgebiet zu unterstützen. Durch die Förderung wissensbasierter, konzeptionsstarker und zukunftsweisender Projekte, soll eine Wirkung über das Ruhrgebiet hinaus erzielt werden.

Weitere Infos zur Stiftung: https://broststiftung.ruhr/

Pressefotos:

Bild 1: Porträt Ingo Schulze – Copyright Gaby Gerster

Pressekontakt:
Natalie Harrack
Brost-Stiftung, Huyssenallee 11, 45128 Essen
Tel. +49 (0)201.749936-218
Mobil: +49 (0)1525-4765827
[email protected]

Start


https://www.facebook.com/BrostStiftung/
https://www.instagram.com/brost_stiftung/
https://www.youtube.com/channel/UCqbYH6osx3RtnF2p27znYDg
Original-Content von: Brost-Stiftung, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots